Achtung, Gefahr durch stürzende Linien! – Perspektive II

Ganz natürliche Sache: Perspektive und Fluchtpunkt
Perspektive

Beim Blick nach oben laufen eigentlich gerade Linien aufeinander zu – das kann sehr majestätisch wirken

Wenn Sie mitten auf einer schnurgeraden Straße stehen, scheint sie in der Ferne schmaler zu werden: Die Perspektive läuft auf einen so genannten Fluchtpunkt zusammen – auch wenn uns natürlich klar ist, dass das Asphaltband ein paar hundert Meter weiter immer noch genauso breit ist wie unter unseren Füßen.

Dasselbe passiert, wenn Sie nach oben oder unten sehen, vor einem hohen Haus oder Baum stehen oder von einem Aussichtspunkt aus in die Tiefe schauen: Eigentlich parallele Linien werden mehr oder weniger zum Dreieck.

Während wir solche Fotos machen, fällt uns das meist gar nicht auf. Anders aber, wenn wir später die Bilder ansehen: Da kann es manchmal stören, wenn die Aufnahme zu kippen scheint.

Tipp: Rasteransicht einschalten
Perspektive

Mindestens so majestätisch wie manches Bauwerk: Auch Bäumen steht der Blick von unten

Bei vielen Kameras kann man sich im Sucher oder auf dem Display einige zarte Linien anzeigen lassen, die nur der Orientierung dienen und später nicht im Foto auftauchen – meist nennt sich das “Rasteransicht”.

An den waagerechten Linien können Sie den Horizont gerade ausrichten, die senkrechten geben Ihnen eine Einschätzung davon, ob Sie vielleicht mit ein wenig Gymnastik auf Augenhöhe mit Ihrem Motiv gehen und so Verzerrungen vermeiden können.

Ich habe dieses Feature standardmäßig aktiviert, es stört mich auch nicht beim Fotografieren, im Gegenteil: Schon ein kleines Kamera-Kippen macht viel aus in Sachen “schief oder gerade”, da lasse ich mir gerne helfen.

Gerade Mitte
Perspektive - Mitte

Solange die Linien um eine gerade Mitte herum “gleichmäßig schief” sind, stört uns das nicht

Manchmal lassen sich stürzende Linien nicht vermeiden, oder Sie finden vielleicht, dass sie beim ein oder anderen Motiv richtig gut aussehen.

Eine Grundregel gibt es: Wichtig ist, dass die Senkrechte in der Bildmitte wirklich gerade ist.
Daran kann sich das Auge bzw. Gehirn auch nachher beim Bilder-Gucken festhalten – fehlt diese Orientierung, schalten wir innerlich auf “seekrank”, das Foto ist uns unangenehm.

Stürzende Linien vermeiden
Möglichkeit 1: Von großen Bauwerken Abstand nehmen
Perspektive - Abstand

Mit einem weiteren Abstand begradigt sich die Perspektive automatisch

Oft stehen gerade  Sehenswürdigkeiten an großen Plätzen – das gibt Ihnen die Gelegenheit, die Perspektive mit ein wenig Fußarbeit zurecht zu rücken.

Wenn Sie weiter weg stehen, richten Sie den Blick statt nach oben geradeaus nach vorne. Auch die Kanten des Gebäudes werden so senkrecht abgebildet.
Falls Sie ein Zoomobjektiv an der Kamera haben, können Sie den Abstand durch Heranzoomen ausgleichen.

Möglichkeit 2: Ab in die Mitte
Perspektive - Mitte

Nutzen Sie öffentliche Treppen oder Brücken, um auf Augenhöhe mit Ihrem Motiv zu kommen

Wollen Sie ein Gebäude oder sonstiges Motiv “gerade” aufnehmen, müssen Sie theoretisch auch von der Höhe her “in der Mitte” stehen, damit die Perspektive nach allen Seiten hin gleich ist.
Beim Foto einer Toreinfahrt klappt das vielleicht noch mit Kamera-über-den-Kopf-Halten und blind fotografieren. Nicht so zum Beispiel bei höheren Bauwerken: Wer nicht fliegen kann, hat da ein kleines Problem …

Gut, wenn genau gegenüber ein Hügel, eine öffentliche Treppe oder Ähnliches ist! Dann können Sie nämlich gemütlich bis in Höhe des mittleren Stockwerks Ihres Motivs klettern und von dort fotografieren.

Manchmal gäbe es auch die Möglichkeit, aus einem passenden Fenster von der Straßenseite gegenüber zu fotografieren. Aber Achtung: Rechtlich gesehen dürfen Sie Gebäude in Deutschland nur ganz normal von der Straße bzw. öffentlichem Grund aus aufnehmen (Aufnahmestandpunkt und Rechte des Architekten).

Möglichkeit 3: Per Bildbearbeitung nachträglich korrigieren
Perspektive

Hier würde beim Geraderücken der komplette Bildaufbau zerbrechen – keine so gute Idee

Wenn Ihnen die “Schieflage” im Foto nicht gefällt, können Sie mit guten Bildbearbeitungsprogrammen auch nachträglich am Computer noch einiges ausrichten.

Allerdings sollten Sie das in Maßen betreiben. Ein wenig Fluchtpunkt kann gerade bei Bauten “ganz gesund” sein, sonst signalisiert uns unser Gehirn, ein Gebäude würde nach oben breiter werden und sich nach vorne neigen.
Außerdem kann es passieren, dass durch das Aufrichten wichtige Dinge am Bildrand verloren gehen – probieren Sie von Fall zu Fall aus, ob das Geraderücken dem Motiv gut tut. Oder Sie planen vor: Lassen Sie um Ihr Motiv herum von vorneherein “zu viel” Raum, der dann beim Bearbeiten getrost wegfallen kann.

Hier zwei Kurzanleitungen (ob und wie das bei anderen Programmen funktioniert, lesen Sie bitte in der jeweiligen Anleitung nach):

Adobe Lightroom:

lightroom-objektivkorrektur

Manuelle Korrekturmöglichkeit bei Lightroom

  • Im Entwickeln-Modus die Funktion >Objektivkorrekturen (im Kasten rechts) aufklappen.
  • Dort können Sie entweder die Automatik-Funktionen der >Grundeinstellungen durchprobieren. Oder Sie gehen zum Reiter >Manuell und benutzen dort den >Vertikal-Schieberegler.

Adobe Photoshop:

  • Im Menü >Auswahl >alles auswählen.
  • Im Menü > Bearbeiten >Transformieren >Verzerren wählen. Jetzt können Sie mit gedrückter Maustaste an den Eck-Anfassern ziehen, bis das Bild gerade ist. Doppelklick ins Bild – fertig.
Bewusste Effekte
Perspektive

Bewusstes Spiel mit Linien und Formen

Stürzende Linien sind kein “Fehler” – wer weiß, was er tut, kann sie auch ganz bewusst einsetzen.
Der Blick von unten hebt die Mächtigkeit des Motivs hervor, wir sehen zu etwas Großem auf …

Viele Architekturfotos spielen mit diesem Stilmittel, probieren Sie es auch mal aus!

Variation: Ausschnitt statt Totale

PerspektiveNicht immer muss es die “Postkartenansicht” vom gesamten Bauwerk oder der halbe Wald sein: Bereichern Sie Ihre Fotoserie mit geschickt gewählten Ausschnitten.
Ein Nebeneinander von renovierter Fassade und heruntergekommener Wand sagt vielleicht sogar mehr aus als die Komplettansicht zweier Häuser. Oder zeigen Sie Ihren Zuschauern mal die tiefen Schrunden im Stamm einer uralten Eiche …

Wechseln Sie Ihre Blickweise ab, von der Totale zum Detail und wieder zurück, von der bewussten Untersicht (dem Blick von unten) zum Geradeaus-Überblick aus einem gewissen Abstand …

Ich wünsche viel Spaß beim nächsten Ausflug – und gute Fotobeute!

– Vielen Dank an Anne W. für ihre Nachfrage und so für die Idee zu diesem Beitrag – wenn Sie auch eine Fotofrage haben: Kommentar schreiben oder Mail schicken, ich bin gespannt.

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