“as if it is as it is of” – Fotografin Judy Linn im Haus am Kleistpark

Judy Linn - Asstellung im Haus am Kleistpark, Künstlerführung

Judy Linn …

Dass die beiden sich gut kannten und sehr mochten, das sieht man Judy Linns Fotos von Patti Smith auf den ersten Blick an. Die eine – damals noch keine bekannte Sängerin, sondern ebenso wie ihre Freunde auf der Suche nach ihrer eigenen Ausdrucksform – lässt es zu, in ihrem Alltag abgebildet zu werden, hat aber auch sichtlich Spaß daran, vor der Kamera zu posieren. Und die andere, 1969 gerade mit dem Kunststudium fertig, fängt diese Vertrautheit in Bildern ein: lebt mit, schafft intime Aufnahmen, die manchmal fast schwebend erscheinen, die trotz aller Nähe nicht auf die Pelle rücken, sondern vom spielerischen gemeinsamen Geschichten-Erfinden erzählen.

Judy Linn Fotografie

… beim Gespräch im Haus am Kleistpark

Beim Künstlergespräch im Rahmen ihrer aktuellen Ausstellung “as if it is as it is of” im Haus am Kleistpark erklärt die Fotografin, warum die Fotos von Patti Smith, Robert Mappelthorpe und Sam Shepard aus deren früher New Yorcker Zeit erst 2011 als Bildband herauskamen: Patti Smith wollte nicht, dass ihre Kinder gehänselt oder schräg angesehen würden – ungemachte Betten, verschlafene Gesichter und erst recht nur halb bekleidete Menschen aus einer wilden Aufbruchszeit hätten in einem teils doch etwas konservativeren Umfeld anecken können.

 

Judy Linn - "things"

“Zufall ist Perfektion. Es ist das, was man am Anfang hasst und am Ende liebt.“

Wie würden Sie auf die fast schon provokative Frage reagieren, warum Sie bei so vielen Aufnahmen nicht klassische Regeln wie den Goldenen Schnitt eingehalten haben? “Ich kannte keine Regeln”, so das coole Konter von Judy Linn, Pokerface inklusive. Sie liebe den Zufall, besser: habe ihn lieben gelernt, ergänzt sie, als wir von “people (Patti and friends)” hinüber zu den mit “things (art and artifact)” übertitelten Aufnahmen von 1969 bis heute gehen. Häuser, Landschaften, verschwommene Gesichter sind mit aufgenommen, viele Fotos stammen auch aus Museen, feiner Humor und Spielfreude blitzt jedes Mal irgendwo durch.

Judy Linns "things" laden ein zum Entdecken

Laden zum Entdecken ein: Judy Linns Fotos aus der Arbeit “things”

Zwischen eher pastellfarbenen (oder in Schwarz-Weiß eben grauen) eleganten Hüten springt einen ein Modell an, das wie ein im Windkanal steckengebliebenes Toupet wirkt. Ein paar Schritte weiter scheint jemand im Furor ein ähnliches Gebilde als Schamhaar für ein Aktbild auf der Malerstaffelei benutzt zu haben. Ein Puttenkopf spiegelt sich in einem unscharf in die Bildecke gequetschten Kleinkindgesicht wider, und auf einem der wenigen Farbbilder steckt eine alte Getränkedose auf dem Stumpf eines abgebrochenen Astes … “Oh, das ist aus meinem Garten”, erklärt Judy Linn lachend: Wie viele New Yorcker sei sie ins Grüne gezogen; aber während die anderen ganz aus dem Häuschen seien über all die tolle Natur, fände sie selbst das einfach nur öde. “Da habe ich zumindest meinen eigenen Baum geschmückt.”

Judy Linn erklärt dem Publikum ihre "place"-Fotos

Judy Linn erklärt dem Publikum ihre “place”-Fotos

“So wie der da hab ich mich auch oft genug gefühlt”, meint Judy Linn im letzten Teil der Ausstellung und beugt sich mal kurz mit theatralischem Bauchweh-Blick vor: Wir stehen vor einem Bild mit drei vielleicht zehnjährigen Jungs auf einem Siegertreppchen irgendwo im Nirgendwo. Der Gewinner übt unsicheres Strahlen, Nummer zwei schaut ihm dabei empört zu, und der dritte – auf ihn deutet die Fotografin – guckt wie “Dritter von drei Teilnehmern geworden”, mit Leidensmiene und verschränkten Armen.
Das Fotos stammt aus der Arbeit “place (edge of Detroit)” und entstand, als Judy Linn 1972/73 ein paar Monate für eine Zeitung ihrer Geburtsstadt arbeitete – ein Job, den sie von ihrem leider inzwischen verstorbenen Kollegen Jerry Berndt übernahm. Lächelnde Honoratioren vor schlaffer US-Flagge präsentieren winzige Spendenschecks, mit schwärmerisch geschlossenen Augen steht ein Herr neben einem unglaublichen Segelschiff-Modell, Schnee scheint aus einem aufs Garagentor gemalten Bergpanorama auf die davor liegende nasse Einfahrt zu schmelzen – Lokalteil-Illustration mit doppeltem Boden. Und die Bildunterschriften der Original-Ausschnitte in einer Vitrine gleich nebendran zeigen manches Mal einen (zumindest im Rückblick) schon fast satirischen Einschlag.

Judy Linn - Dank

Dank für die wundervollen Bilder

“Jetzt, nach vierzig Jahren, habe ich großen Spaß mit diesen Fotos”, so Judy Linn mit einem verdächtigen Zucken um die Mundwinkel. Und oh, doch, sie liebt Photoshop: Alle Bilder sind selbst gescannt, ausgearbeitet und geprintet, und das ganz ohne stinkige Laborarbeit, ein Segen!

Judy Linn: Im Gespräch nach der offiziellen Führung

Nimmt sich die Zeit: Judy Linn im Gespräch nach der offiziellen Führung

Ob sie die Analogfotografie für “echter” hält als die digitale – auf diese Frage winkt Judy Linn, sowohl mit ihrer Leica als auch mit moderner Technik nach wie vor unterwegs, dankend ab: “Was für ein Thema, da könnten wir ewig drüber diskutieren!” Gut möglich, dass sie das mit ihren Studentinnen und Studenten am Vassar College – dort unterrichtet sie Fotografie – auch ausgiebig tut …

– Beide Arbeiten, sowohl “place” als auch “things”, können Sie im Haus am Kleistpark das erste Mal überhaupt in Europa sehen. Und natürlich sollten Sie sich auch die legendären Fotos rund um Patti Smith keinesfalls entgehen lassen – noch bis Mitte März haben Sie Gelegenheit zum Genießen, viel Spaß!

as if it is as it is of
Fotografien von Judy Linn
HAUS am KLEISTPARK
Grunewaldstrasse 6 – 7
10823 Berlin
16.1. – 15.3.2015, Di – So 10 – 19 Uhr
Eintritt frei

– Special thanks to Judy Linn for the kind permission to publish these photos!

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